Weilingshof

Zu den Wellen

Gemälde oben Weilingshof 1961: Der Maler Bienhüls nannte es: "Mir Kotten an der Quarzwerke"

Ex-Heimat von Hausdülmenern in fünfter Folge des Sythen-Films.
Manfred Brockmann und Helga Hölscher erinnern sich an ihre Zeit in "Karnickelhausen".

Der fünfte Teil der DVD-Serie "Sythen - ein Jahrhundert" ist seit kurzem vor Jahresende neu herausgekommen. Hans Leipholz und seine "Assistenten" Bruno Lücke und Walter Wübbe präsentieren im fünften Teil der Dorfchronik die Zeit von 1960 bis 1975. Schwerpunkte des auf DVD erschienenen Films, der 14 Themenblöcke mit sieben Hauptthemen umfasst, sind beispielsweise der Teilabriss des Hauses Sythen 1971, der Bau des Freibades 1973 bis 1974 und das 1973 entstandene Evangelische Gemeindezentrum Sythen. Auch "Karnickelhausen" wird beleuchtet, ein Gebiet zwischen Sythen und Hausdülmen, zu dem der ehemalige Bewohner Otto Lütkenhaus von Kiepenkerl Paul Schrör befragt wurde. Die DVD ist zum Preis von 25 Euro bei der Buchhandlung Kortenkamp in Haltern am See und in Sythen im Haushaltswarengeschäft Gödde und der Postagentur Großwiele erhältlich.

Auch Hausdülmener wohnten früher in Karnickelhausen

Wie Burkhard Lüning im Internet unter http://www.karnickelhausen.de (die Streiflichter berichteten) aufführt, ist das Gebiet, das landläufig als "Karnickelhausen" bezeichnet wurde, rund fünf Quadratkilometer groß, bestand größtenteils aus Mischwald, Heide und drei Seen und war ab dem 18. Jahrhundert bewohnt. Wolfgang Lüning war 1977 der Bewohner im letzten Haus von Karnickelhausen.

Umzug am 24. Juli 1963

Interessantes zu berichten wissen Manfred Brockmann und seine Schwester Helga Hölscher aus Hausdülmen, die früher in Karnickelhausen gewohnt hatten. "Am 24. Juli 1963 sind wir umgezogen, genau an dem Tag, als meine Schwester Claudia geboren wurde. Meine Großeltern waren noch sechs Wochen da", so Helga Hölscher, geborene Brockmann, seit 1998 Inhaberin der "Mauritius-Stube". Sie war damals 13, ihr Bruder 9 Jahre alt. "Wir wurden ausgesandet. Unser kleiner Bauernhof hatte dort gestanden, wo der Silbersee III anfängt."

Die fünfköpfige Familie wohnte zusammen mit den Großeltern und der Tante Hildegard Brockmann in einem Haus, das der Großvater 1927 gebaut hatte. Direkte Nachbarn waren August und Agnes Brinkmöller mit vier Kindern und der Oma.

"Die Zeit dort war wunderschön. Es gab kleine Seen", so die heute 61-Jährige. "Mein Großvater Heinrich war für die Amtsvertretung Haltern zuständig. Postalisch gehörten wir zu Haltern, besuchten aber die Mauritiusschule in Hausdülmen. Deshalb wussten wir nicht, wo wir hingehörten."

Sie erinnert sich auch, dass die Eheleute Weiling einige hundert Meter von ihnen entfernt auf einem vom Grafen Westerholt gepachteten großen Gehöft wohnten. "Als sie 1953 kinderlos starben, haben wir den Hof dort übernommen (sehe Urkunden-Rolle). Wir hatten rund 100 Gänse und 100 Enten."

Sommerfrischler kamen zu Fuß sogar aus Herne.

Die Brockmanns besaßen auch einen Bier- und Zigarettenverkauf für die Gäste aus dem Ruhrgebiet. "Die Sommerfrischler kamen teilweise zu Fuß aus Herne und übernachteten in den 50er Jahren kostenlos bei uns auf dem Heuboden. Sie kauften Hühner und Eier und halfen bei der Ernte mit. Wir hatten noch bis 1963 ein Plumpsklo."

Bild unten:Wolfgang Lüning vor den Plumpsklo. Auch auf DVD Teil 5 über Sythen

Woher kommt der Name "Karnickelhausen"? Helga Hölscher: "Es gab dort unwahrscheinlich viele Kaninchen und lockeren Sand." Auch Bruder Manfred Brockmann kann sich noch gut an "Karnickelhausen" erinnern: "Das war ein Paradies für uns. Wir konnten auf den Loren fahren, denn hier wurde immer schon Sand geschürft. Wir wohnten von Hausdülmen aus gesehen in Richtung Haltern auf der linken Seite ,Auf den Wellen‘. Hier lagen sechs Häuser und ein Bretterhaus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es fünf Häuser, von denen das Dach 1,50 Meter aus der Erde guckte. Das war vorher eine Flakstellung." ( Münsterstrasse )
Auch habe es ein 6-Familien-Haus von den Quarzwerken gegeben. Maximal hätten in dem Gebiet 70 Menschen gewohnt.

Dülmener Firma Kötting schob Abraum beiseite.
Das Aussanden, das "Abschieben des Abraums", habe die Firma Kötting aus Dülmen durchgeführt - mit Spezialfahrzeugen, die zwei Meter hohe Räder besaßen - und den damaligen Knirps stark beeindruckten.
"Der Sand wurde abgesaugt. Dabei bebte das ganze Haus. Es gab Risse, und meine Großmutter, die gebürtig aus Polen kam, betete dann immer", so Manfred Brockmann, dessen Vater Johannes Schichtmeister bei den Quarzwerken war.
Schließlich existierte noch ein Ehrenfriedhof, auch "Russenfriedhof" genannt. "Es war ein Gefangenenlager aus dem Ersten Weltkrieg", erklärt Manfred Brockmann. Infolge großer Kälte und einer Hungersnot starben in dem Gefangenenlager rund 750 Menschen, die in dem Ehrenfriedhof bestattet wurden.

Ehrenfriedhof wurde umverlagert.
Der Vater von Burkhard Lüning war ebenfalls bei den Quarzwerken beschäftigt. Seine Aufgabe sei es auch gewesen, die Gebeine der Verstorbenen einzusammeln und zum neuen Standort Ehrenfriedhof zu bringen. 1966 wurde der Friedhof wegen der Erweiterung des
Silbersees III beseitigt und nach Hausdülmen zum Waldfriedhof verlegt.

Spaziergänge am Silbersee III.
Heute unternimmt Manfred Brockmann am Silbersee III noch regelmäßig Spaziergänge mit seiner Ehefrau und seinem Hund "Cindy" - und sammelt auch, wie früher schon gerne, mit Vorliebe dort Pilze. -reik-

Quelle: Streiflichter

Bild / Buch Quarzwerke 1960
Bild / Buch Quarzwerke 1960

Der Volksbrauch in Karnickelhausen war unter anderem "Kümmelken".
Im Spätherbst wurden immer Kümmelken (St. Martin) gefeiert.
Zu dieser Zeit kamen zu uns immer viele Bekannten und Verwandte. Da kam z.B. Bernhard Schmidt aus Bochum - Riemke oder Fam. Kniest aus Gelsenkirchen.
Sie alle freuten sich immer auf Kümmelken. Da höhlten wir Kinder immer Runkelrüben aus (Foto v. R. Helga Brockmann, mit Tochter von Bernhard Schmidt und Manfred Brockmann.

Wir schnitten auch ein Gesicht mit Augen, Nase und Mund hinein.
Und beim St. Martins-Umzug kam in die ausgehöhlte Runkel noch eine Kerze, die wir mit Draht an einen Stock befestigten. So wurde nicht nur aus einer Runkelrübe eine Laterne, sondern auch der Vorläufer für die Halloween – Kürbisse, der bis dato noch unbekannt war. Beim St. Martins- Umzug wurde folgendes Liedchen wiederholt gesungen:

"We will met us Kümmel-Kümmelken gaon,
De mot us `ne Kiärte daon.
Kinnerkes kommt men hiär,
Lange Diärn is de wiär,
Kinnerkes bliew`t men daor,
is jo gaornix van waor!"

Mit einem Bollerwagen zogen wir dann von Haustür zu Haustür und bekamen Süßigkeiten und andere Leckereien zum Naschen. Das was in den Bollerwagen kam, wurde an der Kirche abgegeben.