Die Pest Sythen

Karnickelhausen / Hellweg / Silbersee III

Der Nebel schleiert über den versumpften Weg eines kleinen Ortes am Handelweg, zwischen Sythen und Hausdülmen. Sechs Männer in schwarzen Mönchskutten und verdeckten Gesichtern schieben einen großen Handwagen vor sich her. Sie sprechen kein Wort, heben nur die Toten auf, die an und in den Häusern liegen. Auch die Strasse gibt die Toten frei, aber nicht so einfach. Die Männer müssen erst einmal die zahlreichen Ratten, welche die Leichen anknabbern, verscheuchen. Sie wickeln die Toten in schwarze Tücher und werfen sie auf den großen Karren. Die Halbtoten müssen den Karren hinterher kriechen. Und werden immer wieder von den Männern mit langen Stöcken geschlagen. Sie werden behandelt, als hätten sie die Pest im Leib.
Es war die zweite Pestpandemie (Schwarzer Tod, 1347–1352. Die Ausbreitung verlief über ganz Europa, 25 Millionen Tote waren zu beklagen.
Über Karnickelhausen kam 1349 der Schwarze Tod.
Die Pest rottete den kleinen Ort am Hellweg fast ganz aus. Die Menschen, die dort im 14. Jahrhundert wohnten, waren zu dieser Zeit keine Apostel der Sauberkeit.
Der kleine Ort Karnickelhausen bestand zur dieser Zeit nur aus elf Häusern, mit Stallungen für Tiere aber auch die Reisenden übernachteten häufig in den Ställen.
Die damals hier wohnten, für die war es das Paradies. Aber auch vor dem Paradies auf Erden machte die Pest nicht Halt. Besonders waren Leute, die am Handelswege wohnten gefährdet, denn sie hatten viele Kontakte mit Fremden.
Schätzungsweise gab es hier 22 Tote, die der Pest erlagen. Zumeist waren es ältere Menschen oder kleinere Kinder bis zum Alter von acht Jahren. Die restlichen Einwohner versuchten der Pest zu entkommen. Aber wo liegen die Pesttoten von Karnickelhausen begraben?
Legenden gibt es viel über die "Schwarzen Toten" aus der Moorsiedlung, an einer der ältesten deutschen Handelsstraßen 666.
Als historisches Phänomen bietet sich da an: Daß die Toten in einen der zahlreichen Moore "versenkt" wurden. Das "Teufelsmoor" wäre somit der Legende nach gerechtfertig. Man könnte den gesehenen Teufel, einen der "Schwarzen Toten", der nach 613 Jahren wieder
auferstanden ist, um Unheil zu stiften.

Die Pest fordert den Sold.
Der Tod isst verschimmeltes Brot
Die Ratten tanzen auf Unrat und Kot
Der Mensch ist in der Not.

Burkhard Lüning (c)2011

Die Karte von 1759, zeigt das Seuchenhaus am Hellweg.
Computeranimation von Burkhard Lüning (c) 2009


Das Wort Seuche geht zurück auf das mittelhochdeutsche "siuche", gleich siech oder krank. Im 15. und 16. Jahrhundert waren Pest und Aussatz (Lepra) weit verbreitet. Letztere wurde durch römische Truppen nach Europa eingeschleppt.

Wer von dieser ansteckenden Krankheit befallen war, wurde außerhalb der Stadt (buten oder außerhalb der Mauern) ausgesetzt.
Dort lebten die Ausgesetzten (daher das Wort Aussatz) in so genannten Leprosen- oder Siechenhäusern.
Sie trugen besondere Kleidung, die sie als Lepröse kennzeichnete und mussten sich mit einer Klapper den Gesunden gegenüber bemerkbar machen.
Auch in Sythen und Haltern gab es solche Siechenhäuser. Walter Wübbe berichtet darüber im Halterner Jahrbuch 2009. In einem Bericht des Amtsdrosten des Amtes Dülmen aus dem Jahr 1661 an seinen Landesherrn heißt es: "Im Kirchspiel amt dulman seint zwei leprosia, eins negst bei der Stadt Dulman, das andere beim Haus Sythen."

In die Stockwiese verlegt
Die Lageangabe beim Haus Sythen gab einigen Heimatforschern Veranlassung, das Seuchenhaus in die Stockwiese zu verlegen. Für den Halterner Altertums- und Heimatforscher Dr. Alexander Conrads (gest.1940) lag dieses Siechenhaus am Hellweg, der alten Heeresstraße zwischen Dorf Sythen und Lehmbraken.
Dazu Walter Wübbe: "Es umfasste ca. ½ Morgen in Herzform und war mit einem Wassergraben umgeben. Es lag unmittelbar an der Landstraße, mit ihr durch eine Brücke verbunden."
Später wurde das Gebäude abgerissen und der Garten mit einer Lehrerstelle verbunden, weshalb er den Namen Lehrersgarten führte. Bei den Sythenern war er unter dem Namen "Seikengaoren" (Seuchengarten) bekannt